Sektion 10: Partizipation und Nachhaltigkeit – Innovationen für die politische Bildung

Passen Nachhaltigkeit und Partizipation überhaupt zusammen und worauf sollte es der politischen Bildung bei dem Thema ankommen?

Vielleicht sollte man statt „Nachhaltigkeit“ besser „Zukunftsfähigkeit“ sagen. So befand zumindest die Moderatorin Prof. Dr. Ursula Münch zum Einstieg in die Sektion 10 und verwies damit auf die schwierige Definition von Nachhaltigkeit und die noch viel schwierigere Erklärung der Korrelation von Partizipation und Nachhaltigkeit. So stellte Frau Münch auch die Grundfrage für die Sektion in den Raum: „Umfassende Beteiligung als Grundvoraussetzung für eine nachhaltige Entwicklung?”

Helle Becker, Erziehungswissenschaftlerin und Projektmanagerin lieferte den Einstieg und kritisierte grundsätzlich, dass in der Partizipationsdebatte fast ausschließlich der Wunsch nach breiter Beteiligung und einer gerechten Beteiligungsstruktur dominiere. Es komme aber mehr darauf an, nachhaltige und konsensfähige Handlungsentscheidungen multiperspektivisch und partizipativ auszuhandeln. So auch im Zusammenhang mit der Debatte um den Begriff der Nachhaltigkeit, die Becker zufolge ganz voraussetzungslos, ohne moralische Grundannahmen geführt werden sollte. Für Helle Becker ist Partizipation dabei nicht nur die Grundlage, sondern der Schlüssel für eine nachhaltige Entwicklung. Das Ziel politischer Bildung müsse dabei die Veränderung politischen Handelns aller, und nicht nur des Einzelnen sein.

Prof. Dr. Gerhard de Haan betonte in seinem Eingangsstatement die Notwendigkeit einer „Großen Transformation“ der Weltgesellschaft, einer globalen gesellschaftlichen Erneuerung durch Einsicht, die nicht als zentral gesteuerter Wandlungsprozess (top-down), sondern durch das Engagement und die Beteiligung aller gesellschaftlicher Gruppen und neue Formen der Partizipation (bottom-up) vonstatten gehen müsse. (Quelle: Gutachten „Bildung für eine nachhaltige Entwicklung) Dabei sei das Interesse an Teilhabe und Mitgestaltung, so auch die Erkenntnis aus dem Freiwilligensurvey 2009 sukzessive steigend, wenn auch nicht bei allen Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen gleichermaßen. Die heute so präsente Mobilität verhindere allerdings z.T. auch Engagement, weil man sich vor allem lokal und langfristig engagiere. De Haan zeigte, dass auch Jugendliche sich der globalen Herausforderungen unserer Gesellschaft bewusst sind und betonte deren Wunsch nach Wahrnehmung – Jugendliche wollen gehört werden. Ziel müssten dabei vor allem nachhaltige kommunale Bildungslandschaften sein, wie z.B. in der Stadterneuerung aus der Perspektive von jungen Menschen verwirklicht.

Daniela Kolbe – Mitglied des Bundestages und Leiterin der Enquetekommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“ – erläuterte die Zielsetzung und Arbeitsweise der Enquetekommission. Sie betonte die Notwendigkeit für die Politik, bei dem Thema Nachhaltigkeit die Bevölkerung mit einzubinden. Generell forderte sie auch mehr Partizipationsmöglichkeiten bei Enquetekommissionen des Bundestages vorzusehen.

Anhand aktueller Erkenntnisse von Jugendstudien wie der Bertelsmann-Studie oder der Shell-Jugendstudie belegte Prof. Dr. Bernd Overwien, dass viele Jugendliche eine nachhaltige Gestaltung der Gesellschaft als Problem und Herausforderung wahrnehmen. Overwien sieht den Handlungsbedarf für die politische Bildung vor allem in einer intensiveren Zusammenarbeit mit NGOs, gerade um die Handlungsfähigkeit von Jugendlichen zu fördern. Seine Forderung untermauerte Overwien mit Best-Practice-Beispielen aus Kassel wie z.B. dem Konsumkritischen Stadtrundgang oder dem Tropengewächshaus Witzenhausen. Hier lasse sich Faktenwissen mit praktischer Anwendung kombinieren und Nachhaltigkeit erlebbar machen.

Dagegen sieht Prof. Dr. Birgit Weber das Thema Nachhaltigkeit längst in den Lehrplänen aller Schulstufen angekommen. Nachhaltigkeit nehme fächerübergreifend einen wichtigen Stellenwert ein – die Panikmache über die fehlende Thematisierung sei also fehl am Platz. Allerdings, so entgegnete ihr Prof. de Haan, komme es vor allem auf die Qualität der Inhalte an, immerhin sei nur zu 5 Prozent wirklich „Nachhaltigkeit“ Thema in den Lehrplänen. Die Kompetenzorientierung seit PISA spielt außerdem der Partizipation in die Hände, so Weber. Auch sie forderte mehr praktisches Lernen z.B. im Rahmen sogenannter „Schülerfirmen“-Projekte oder bei der kritischen Analyse der eigenen Kommune. Politische Bildung müsse dabei selbstverständlich den eigenen Grundsätzen folgen (Beutelsbacher Konsens) und darf hier nur die Möglichkeiten persönlichen Engagements vorstellen, entscheiden müssen die Schülerinnen und Schüler dann natürlich selbst.

Führt aber mehr Partizipation grundsätzlich zu mehr Nachhaltigkeit? So die Frage von Münch in die Expertenrunde. Nicht grundsätzlich, meint zumindest Overwien. Allerdings, und das trifft auf allgemeine Zustimmung, sei Nachhaltigkeit ohne Partizipation nicht möglich. Kolbe führte dabei das Gegenbeispiel China an, wo zurzeit kläglich der Versuch unternommen wird, Nachhaltigkeit ohne Partizipation umzusetzen. (5-Jahresplan)

In der folgenden Diskussion wurde vor allem die Differenz zwischen Anspruch und Wirklichkeit der diskutierten Ansätze thematisiert. So bemerkten die Praktiker aus dem Publikum, dass innovative Projekte zum Thema Nachhaltigkeit an vielen Schulen allein aus Zeitgründen illusorisch seien. De Haan griff diesen Punkt abschließend auf, nahm Bezug auf die zum Teil große Veränderungsresistenz bei den Lehrerinnen und Lehrern und forderte strukturelle Veränderungen, die in der Schule Freiräume für projektorientiertes Lernen schaffen.

Die Sektion zeigte vor allem eins: Auch 20 Jahre nach Rio (erste UN-Weltkonferenz für Umwelt und Entwicklung) und 40 Jahre nach dem Bericht des Club of Rome ist Nachhaltigkeit ein virulentes Thema – insbesondere für die Arbeit der politischen Bildung.

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