Sektion 5: Partizipation – Ein Konzept für die Politische Bildung

Wie definiert sich die Didaktik der politischen Bildung? Wohin geht die Entwicklung, und welche Basiskonzepte haben besonderes Gewicht? Wie ist der Stellenwert der Partizipation in dieser Debatte? Gehört sie zu diesen Konzepten, oder ist sie eher ein inhaltliches Gegenstandsfeld? In welchem Verhältnis steht sie zur Demokratie? Über diese Fragen diskutierten vor und mit 150 Teilnehmenden Didaktiker/innen aus Theorie und Praxis am Vormittag des 2. Kongresstages.

Für Wolfgang Sander, Professor für die Didaktik der Geschichtswissenschaften an der Justus Liebig-Universität Gießen, gehört Partizipation zu den Inhalten politischer Bildung und müsse politisch, wissenschaftlich und gesellschaftlich kontrovers diskutiert werden. Im Hinblick auf den Unterricht sieht er in ihr keinen didaktisch-methodischen „Universalschlüssel“. Allerdings kann sie aus anderen Gründen als denen der politischen Bildung wichtig sein, z.B. zur Bildung von Sozialkompetenzen. Sander machte deutlich, dass zum einen mehr Partizipation nicht zwangsläufig zu mehr Demokratie führe, zum anderen, dass Partizipation zwar die Wahrnehmung demokratischer Rechte und die Vertretung eigener Interessen ermögliche, damit gleichzeitig aber Raum für den Einfluss partikulärer Interessen auf politische Entscheidungen einräumen würde. Als Beispiel nannte er Stuttgart 21, bei dem der Bürgerentscheid als Befriedungsverfahren eingesetzt worden sei.

Reinhold Hedtke, Professor für Didaktik der Sozialwissenschaften und Wirtschaftssoziologie an der Universität Bielefeld, schloss sich der These eines Partizipationslobbyismus an und machte deutlich, dass politische Partizipation jenseits des Repräsentationsprinzips sogar dazu tendiere politische, ökonomische und soziale Ungleichheiten zu reproduzieren und zu verschärfen. Auf Regierungsebene hätten Regime aller Art Partizipation als politisches Instrument genutzt und würden dies heute immer noch tun. Dabei komme es zu funktionaler, systemstabilisierender und herrschaftsreproduzierender Partizipation und eine Erziehung zu solcher Partizipation würde die Instrumentalisierung von Jugendlichen für politische Zwecke bedeuten. Man müsse daher, auch in Demokratien, unterscheiden zwischen demokratischer und nicht-demokratischer Partizipation. Demokratische Partizipation führe allerdings notwendigerweise auch zu Unzufriedenheiten, da Kompromisse einzugehen seien oder man aktiv geworden sei und sich dennoch nichts geändert hätte, konstatierte Hedke. Die Frage sei, wie mit diesen Enttäuschungen, gerade auch in Schulen und der Jugendarbeit, umzugehen ist. Für die Lösung dieser Problemlagen müsse sich die politische Bildung in einer Demokratie vom enthusiastischen Verhältnis zur Partizipation lossagen und sie eher nüchtern, kritisch-distanziert und skeptisch betrachten. Dazu gehöre auch das individuelle Recht auf Nicht-Partizipation, so Hedtke.

Armin Scherb, Leiter des Fachs Didaktik und Sozialkunde an der Friedrich-Alexander Universität Erlangen, betrachtete Partizipation aus pragmatistischer Sicht. Bei seinen Ausführungen bezog er sich auf den pädagogischen Pragmatismus nach Dewey und die erkenntnistheoretischen Implikationen der Pragmatischen Maxime nach Peirce. Der pragmatistischen Lerntheorie sei keine unmittelbare Anleitung zu politischen Aktionen zu entnehmen, wohl aber die Förderung der Fähigkeit dazu. Daher sei politische Bildung Propädeutik für politisches Handeln, jedoch nicht politisches Handeln selbst. Partizipation sei in diesem Zusammenhang ein unverzichtbares Element eines Aufklärungsprozesses, der eine politische Meinungsäußerung und eine Teilnahme am politischen Willensbildungsprozess einschließe. Nach dem pragmatistischen Ansatz gehe es um die Erkenntnis und um Lernen, um Voraussetzungen für die Entwicklung politischer Handlungsfähigkeit zu schaffen.

Kerstin Pohl, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Georg-Eckert-Institut für internationale Schulbuchforschung, stellte in ihren Ausführungen fest, dass die Bereitschaft zur politischen Partizipation im Rahmen der politischen Sozialisation erworben werde, die vornehmlich durch Peergroups und den sozialen Raum Schule sowie zu Hause aber kaum gezielt durch den Fachunterricht vermittelt sei. Der Fachunterricht sei eher dafür da, konzeptuelles politisches Wissen über den Ablauf des politischen Prozesses zu vermitteln, dadurch die kognitiven Voraussetzungen für politische Partizipation zu schaffen und folglich auch die Politikverdrossenheit zu verringern. Als Unterrichtsmethode für die Aneignung dieses Wissens sowie politische Handlungskompetenzen, politische Urteilskompetenz und fachübergreifende Kompetenzen, würden sich Planspiele eignen. Sie seien kein Allheilmittel, so Pohl, würden aber zu wenig eingesetzt. Eine Bereicherung dieser Simulationen könnte die Einbindung kommunaler Politiker sein.

Sven Tetzlaff, Leiter des Bereichs Bildung der Körber-Stiftung, brachte seine Perspektive aus der Praxis der politischen Bildung in die Diskussion ein. Er bezog sich bei seinen Ausführungen immer wieder auf den Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten. Solche Wettbewerbe, genauso wie andere Programme und Projekte, die aus der Zivilgesellschaft initiiert seien, würden die Öffnung von Schulen hin zu interessegeleitendem Lernen weiter befördern. Junge Menschen würden zu Engagement und der Übernahme von Verantwortung bewegt mit dem Ziel, ihre demokratischen Kompetenzen erfahrungsgemäß zu stärken und ihnen Mitwirkungsmöglichkeiten zu bieten. Das Spektrum dieser Möglichkeiten für junge Menschen sei breit, so Tetzlaff. Dadurch werde aber auch der Begriff der Partizipation diffus.

Ein Gedanke zu „Sektion 5: Partizipation – Ein Konzept für die Politische Bildung

  1. Ich möchte mich kurz halten:
    PB muss leicht verstehtbar übermittelt werden.
    PB ist für mich primär Rechts- und Staatsbürgerkunde, sie sollte nichts mit Rassimusarbeit, Mobbing, Gedenktagen, diversen mimetischen Aktionen, u.ähnl. zu tun haben.
    PB eignet sich als schulischer Gegenstand frühestens ab dem 14. Lebensjahr (da sich das Gehirn erst ab der Pubertät langsam auf die Fähigkeit des analytischen Lernens umstellt) > am Besten als Modul im Geschichte, Geografie, Sprachen- und/oder Sachkundeunterricht.

    Civic Education hingegen ist ein Konzept der Lebensbewältigung und Teil des lebenslangen Lernens und sollte getrennt von PB stattfinden > CE bedeutet generieren von Wahrnehmungskompetenz, Empathie, soziales + interkulturelles Lernen und demokratisches Verhalten als Lebensstil erwerben. CE sollte integral/implizit bereits im Kindergarten beginnen (denn spätestens da beginnen die Verteilungskämpfe und da gibt es die beste Möglichkeit den Umgang mit Konflikten zu erlernen) um das spezielle Zeitfenster des emotionalen Lernens zu nutzen.

    Besuche von Gedenkstätten, Psycho-drama, Selbsterfahrungskurse, Betroffenheitsmethode, etc. führen nur in den allerwenigsten Ausnahemfällen zu einer Attitüdenänderung.

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