Sektion 3: Früh übt sich: Startbedingungen für lebenslange Partizipation

Die Veranstaltung fand im Tagungszentrum Aquino statt, auf dem Podium saßen Sigrid Meinhold-Henschel von der Bertelsmann-Stiftung, Manfred Wirtitsch vom Österreichischen Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur, Dr. Wolfgang Gaiser, ehemals tätig am Deutschen Jugendinstitut, Julie Rothe von der Politikfabrik und Katja Mast, MdB für die SPD. Moderiert wurde die Diskussion von Lothar Harles, Vorsitzender des Bundesausschusses Politische Bildung, und Pia Döhler von der Jugendpresse Deutschland e.V.. Der Sektionsbericht wurde verfasst von Pia Döhler.

Was wir von Schülern und von den Österreichern lernen können

“Früh übt sich, aber es ist nie zu spät” und Partizipation ist manchmal auch “unangenehm”, ja “anstrengend”. So lassen sich die Ergebnisse der Sektion 3 kurz und knapp zusammenfassen, in der es um die Startbedingungen für lebenslange Partizipation ging.

Einig waren sich die Referenten der Sektion 3, dass Schule der Lebensraum Nummer 1 ist, um mit politischer Bildung anzusetzen – wenn auch nicht der einzige. “Wenn wir die Schule nicht als zentralen Anknüpfungspunkt betrachten, grenzen wir systematisch bestimmte Gruppen aus”, erklärte Sigrid Meinhold-Henschel von der Bertelsmann Stiftung. So seien beispielsweise nur rund ein Drittel der Jugendlichen in Vereinen und Verbänden organisiert.

Das gleiche Problem beschreibt der Soziologe und Partizipationsforscher Dr. Wolfgang Gaiser auch bei der Familie, den er als ersten wichtigen biografischen Ort für Partizipa-tionsförderung sieht: “Der soziale Milieuhintergrund spielt eine große Rolle.” So lassen sich in Deutschland Gefälle zwischen Ost und West oder auf Grund des Bildungsgrades der Eltern feststellen. Auch Menschen mit Migrationshintergrund seien im Nachteil.

“Ideen-Fabrikarbeiterin” Julie Rothe vom studentischen Verein Politikfabrik e.V. verwies auf die wichtige Rolle außerschulischer Angebote: “Wir erleben oft in unserer Arbeit, dass Kinder und Jugendliche vor allem außerhalb der Schule Partizipation erleben können und wollen.” In der Schule seien die Ressourcen knapp, dennoch sei sie der beste Anknüpfungspunkt auch für ihre Arbeit. Rothe wirbt deshalb für Projekte, die ihren Ausgangspunkt in der Schule nehmen, dann jedoch darüber hinaus gehen. Es reiche eben nicht aus die Klassenlektüre demokratisch auszuwählen: “Das durchschauen die Jugendlichen. Da geht es nur um Pseudomitbestimmung und das frustriert.”

Im Publikum kamen deshalb Fragen auf, wie bessere Mitbestimmungselemente im Unterricht aussehen könnten. Eine Idee war, die hierarchische Struktur der Schule – die allein auf Grund der Notengebung immer bestehen wird, so Ministerialrat Mag. Manfred Wirtitsch vom österreichischen Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur – einmal umzudrehen, indem die Lehrer beispielsweise Unterricht im Umgang mit Facebook von ihren Schülern erhielten. Von dieser Idee war SPD-Bundestagsabge-ordnete Katja Mast schließlich so inspiriert, dass sie neben ihrem bewährten Projekt “Junger Rat für Mast” nun ein neues Projekt initiieren möchte, in dem Jugendliche als Social Media-Analysten für ihre politische Arbeit fungieren.

Von unseren Nachbarn aus der “Südkurve Österreich” können wir das “Tricksen” lernen. Manfred Wirtitsch erzählte in seinem Inputreferat von der besonderen Herausforderung, die die politische Bildung in Österreich in den letzten Jahren zu meistern hatte. 2007 wurde das Wahlalter bei nationalen österreichischen und europäischen Wahlgängen auf 16 herabgesetzt. Das hatte nicht nur Folgen auf die curriculare Einbindung der politischen Bildung im österreichischen Schulsystem – so wurden 2008 beispielsweise Mitbestimmungselemente wie Schülerparlamente oder Klassenrat bereits in der Primarstufe etabliert – sondern auch auf die Lehrerausbildung. Nach Auffassung Wirtitschs bedeutet politische Bildung nicht nur Wissensvermittlung, sondern stellt eine Balance aus Wissen und Kompetenz dar. Deshalb sollte vermehrt auch Kompetenzunterricht eingeführt werden. Nachdem jedoch die klassischen Seminarangebote immer überbucht waren und der Kompetenzunterricht keine Anhänger fand, entschied man sich schließlich zu folgender Raffinesse: “Wir boten Seminare mit klassischen Titeln an, die jedesmal heillos überbucht waren, und hielten dann einfach Kompetenzunterricht ab.” Das mit der Partizipation ist eben keine einfache Sache.

Ein Gedanke zu “Sektion 3: Früh übt sich: Startbedingungen für lebenslange Partizipation

  1. In Österreich gibt es zum Glück noch LehrerInnen, bei den das Tricksen nicht notwenig ist. In dem konkreten Fall der bilingualen http://www.europaschule.hu geht es jedoch weniger um linear-strukturelle Maßnahmen wie bspw. einen Klassenrat, sondern um das gelebte demokratische Vorbild der dort arbeitenden PädagogInnen, die dabei durch laufende schuleigene neurowissenschaftliche und humanethologische Fortbildungen Unterstützung finden.

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